Die Bedeutung des kreativen Denkens (und wie man es nicht erstickt)

Von Joseph Gelman

Ich habe als Berater die Schule der "faktenbasierten Problemlösung" durchlaufen, in der Meinungen keinen Platz hatten. Was zählte, war allein der Aufbau einer soliden Faktenbasis und die Lösung von Problemen auf systematische Weise. Diese Leistung konnten in der Vergangenheit erstaunlich wenige Beratungsunternehmen und noch weniger Agenturen anbieten.

Heute ist das anders. Daten zu sammeln, sie zu analysieren und faktenbasierte Empfehlungen daraus abzuleiten, ist heute nicht mehr schwer. Jedes große Unternehmen ist bestens dazu in der Lage. Das Problem ist nur: Die Konkurrenz kann es auch. Marketing-, Branding- und Innovationsentscheidungen allein auf der Grundlage von Fakten zu treffen, reicht deshalb nicht mehr aus.

Unternehmen, die sich wirklich von anderen abheben möchten, müssen harte Fakten mit unkonventionellen Quellen der Inspiration verknüpfen und einen kreativen Prozess in Gang setzen, der wegweisende Ideen hervorbringt. Und das ist wirklich schwer!

Das Hauptproblem ist, dass die meisten Unternehmen es schwer (wenn nicht unmöglich) finden, kreativ zu denken. Sie brüten über Unmengen von Daten und wissen nichts damit anzufangen. Oder sie liefern exzellente Analysen mit genauen Vorgaben für die strategische Ausrichtung, scheitern aber an der Umsetzung in starke Marken und bahnbrechende Produkte.

Wie man Wege zur Inspiration findet und den Boden bereitet für kreatives Denken und Innovation, beschreibt Andy Stefanovich, Chief Curator und Provocateur von Prophet, in Look at More.

Umgekehrt gibt es aber auch einige sehr taktische Verhaltensweisen, die kreatives Denken ersticken. Unserer Erfahrung nach sind dies:

· Orientierung allein am finanziellen Erfolg. Die übermäßige Konzentration auf Marktanteile, Umsatz und Gewinn zerstört die Seele des Unternehmens und blockiert die Inspiration der Mitarbeiter. Mitarbeiter sind Menschen und wenn Ihre Mitarbeiter sich nur durch Geld motivieren lassen, haben Sie vermutlich die falschen.

Unternehmen müssen ein höheres Ziel für sich definieren und dieses ihren Mitarbeitern vermitteln – ein Ziel, das inspirierend wirkt. Es kann sich aus der Bedeutung des Produkts für die Gesellschaft ableiten, aus der Entwicklung von neuem geistigem Eigentum, aus der Herausforderung, etwas Neues aufzubauen, aus der Anerkennung der Kunden oder aus dem Wunsch, die Konkurrenz zu schlagen. Entscheidend ist, ein inspirierendes Ziel zu finden, das bestmöglich zur individuellen Situation und dem Anspruch des Unternehmens passt.

· Arbeiten vom Home Office aus. Der Trend in der modernen Arbeitswelt geht zu mehr Telearbeit, die eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben ermöglichen soll. Tatsächlich aber behindert zu viel Telearbeit die Problemlösung im Team, die unerlässlich für Kreativität ist. Außerdem bedeutet zuhause arbeiten auch allein zu arbeiten. Dies hemmt den Austausch von (beruflichen wie persönlichen) Erfahrungen, der den kreativen Prozess anstoßen kann. Geben Sie die Arbeit im Home Office auf! Tauschen Sie sich mit Ihren Kollegen aus und lernen Sie von ihnen!

· Political Correctness. Es gibt immer eine "Firmenpolitik", die unsinnig ist. Man denke beispielsweise an die Mitarbeiter großer Versicherungen, die hauptsächlich internen Kontakt zu Kollegen haben, aber dennoch Anzug und Krawatte tragen müssen. Ein solches "politisch korrektes" Verhalten wird gern mit der "Unternehmenskultur" begründet, die letztlich den Mitarbeitern vorschreibt, wie sie sich zu kleiden, zu verhalten und was sie zu sagen haben. Es schadet aber der Kreativität, denn es verringert die Bereitschaft der Mitarbeiter, Risiken einzugehen. Lassen Sie Ihren Mitarbeitern Freiheiten! Lassen Sie sie tragen, was ihnen gefällt, wenn sie keinen Kundenkontakt haben; lassen Sie sie zum Mittagessen nach draußen gehen; lassen Sie sie frei reden; unternehmen Sie etwas mit ihnen und zensieren Sie ihr Verhalten nicht! Lassen Sie alles zu, was Ihre Mitarbeiter inspiriert.

· Routine. Wer lange Zeit denselben Job macht, braucht ein hohes Maß an Selbstdisziplin und intellektueller Neugier, um seine Inspiration nicht zu verlieren. Brechen Sie mit kleinen Dingen die Routine auf! Ändern Sie Ihren Arbeitsplan; treffen Sie sich mit Mitarbeitern aus Abteilungen, mit denen Sie nie zu tun haben; besuchen Sie Konferenzen; treffen Sie Fachkollegen in anderen Branchen. Fördern Sie derartige Praktiken in Ihrem Unternehmen! Es ist ein Trugschluss, sie für Zeitverschwendung zu halten.

Es gibt vieles, was Kreativität erstickt. Machen Sie sich auf die Suche nach den  "Kreativitätskillern" in Ihrem Unternehmen und suchen Sie nach Möglichkeiten, diese zu beseitigen oder ihren Einfluss zu minimieren.


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Joseph Gelman ist als Partner bei Prophet tätig. Er arbeitet in Madrid.